Tinderella und die Aubergine ihres Prinzen
Sebastian Autenrieth

Tinderella und die Aubergine ihres Prinzen

Andrea Hintermaier erkundet mit "Experiment Tinder" die Irrungen und Wirrungen der Online-Liebe
29. Dez. 2025, von Svenja Plannerer

Was das Online-Dating angeht, scheiden sich die Geister – manche mögen es, andere haben die Hoffnung schon längst aufgegeben. Manche suchen nach ihrem Märchenprinzen, manche “Prinzen” erzählen Märchen. Der ein oder andere Delfin gibt sich als Fisch aus, um Aale anzulocken…jedenfalls kann man nie sicher sein, wen man denn jetzt am anderen Ende am Gerät hat. Swipe left, swipe right, nicht von den zahlreichen schlechten bis ekelhaften Anmachen abschrecken lassen. Tinder könnte man vielleicht eher als Sozialexperiment bezeichnen.

Genau diese Prämisse nimmt sich Andrea Hintermaier in “Experiment Tinder” vor. Der Abend erzählt in kurzen, schlaglichtartigen Szenen von diversen Tinder-Begegnungen. Christin Wehner und Julian Keck schlüpfen dabei in die Rollen verschiedener Pärchen, die sich über die Plattform treffen. Dass diese Matches dabei nicht immer in den heißen Flammen der Liebe zergehen, ist selbstverständlich. 

Manchmal scheitert es schon an den Ausgangsbedingungen: Es ist Maries Eisprung und sie will dringend Sex, Aluhut Paul will dringend über Aliens reden. Das macht er dann auch, beim Bierchen reißt Keck weit die Augen auf, als er über Echsenmenschen fabuliert. Wenig später verleugnet er sogar den Holocaust. Flo und Karin waren zusammen in der Schule und matchen 21 Jahre später in der App. Wehner kann sehr schön betont nonchalant Gummibärchen essen, um der Frage aus dem Weg zu gehen, was in ihrem Leben in der Zwischenzeit passiert ist. Flo, den Keck herrlich sozial inkompetent und selbstbezogen darstellt, hat in der Schule nichts von Karins Verliebtheit gemerkt. Heute ist er mental zwar single, legal aber nicht so ganz. 

Auch interkulturelle Beziehungen finden ihren Platz. Auf dem Weihnachtsmarkt treffen sich zwei mit gebrochenem Herzen, zufällig zusammengeführt vom Algorithmus. Hashem und Sarah, ein Iraner und eine Deutsche, die zunächst nur Freunde sind. Zunächst. Ach, und Fernbeziehungen haben so ihre Tücken. Der Telefonsex von Yaro und Isabella ist eine spirituelle Erfahrung, etwas Heiliges, aber als sie sich in Person begegnen…Queere Liebe wird zumindest einmal thematisiert, wenn auch nur sehr kurz.

Der Szenen-Parcours, der das Publikum hin und her, auf und ab durch das Foyer der Tafelhalle führt, schlägt unter dem allzeit gegenwärtigen Humor durchaus ernste Töne an. Schaut man auf die Literatur aus vergangenen Jahrhunderten, war die Liebe noch nie einfach, aber wie sieht sie im 21. Jahrhundert aus? Sind die Menschen tatsächlich “beziehungsunfähig” geworden, oder verstellen wir uns mit unseren Smartphones die Sicht aufeinander? Gleichzeitig nehmen immer mehr ernste Beziehungen ihren Anfang online. Und halten dann auch. Oder? Und wo hört die platonische Freundschaft auf, wo fängt romantische Liebe an? Der Abend macht deutlich, dass Liebesbeziehungen heutzutage nicht weniger “hit or miss” sind als früher auch schon, unabhängig vom Medium des Kennenlernens, und egal wie sehr Tinder und Konsorten verteufelt werden.

Das Publikum darf nicht nur zuschauen, sondern auch mitmachen. Wer gerne Christbaum schmücken will, hat hier die Gelegenheit. Man kann sich aber auch als romantische Kulisse am Dutzendteich oder als Statist*innen im Filmkunstkino austoben. Andrea Hintermaier hat ihre witzigen Szenen alltagsnah getextet, sodass man sich gut in sie hineinversetzen kann, und hat ihre Inszenierung kurzweilig getaktet. Wehner und Keck spielen mal wuschig, mal zärtlich, mal kühn, mal schüchtern; immer mit viel Freude und Elan. So ergibt sich ein erfrischender Abend, ohne dass man sich dabei in die Gefahr begeben müsste, selbst in die Untiefen der berüchtigten App hinabzusteigen.

P.S.: Neue Termine gibt es ab 2026.


Experiment Tinder von Andrea Hintermaier feierte Premiere am 19.12.2025, Tafelhalle.
Gesehen am 08.01.2025, Tafelhalle.
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Sebastian Autenrieht
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