
Musik gegen Tod und Vergessen
Wer stirbt, vergisst. Die Erinnerungen, die bleiben, sind nicht die der Toten, sondern die der Lebenden. Wer stirbt, verliert. Nicht nur das eigene Leben, sondern auch die Deutungshoheit darüber. Vielleicht ist das der eigentliche Grund, weshalb Menschen Angst vor dem Tod haben. Und der eigentliche Grund, warum Menschen sich schon immer Geschichten darüber erzählen, wie der Tod besiegt, überlistet oder umgestimmt wird. Eine der bewegendsten und traurigsten davon ist der antike Mythos von Orpheus, dem größten Sänger von allen, der mit seinen Liedern sogar den Gott der Unterwelt zu erweichen vermag.
Im Kulturforum Fürth war mit „Orpheus underground“ im Rahmen der Gluck-Festspiele 2026 eine moderne Auseinandersetzung mit dem Mythos zu hören. Mit Ausschnitten aus drei verschiedenen Opern über Orpheus – Claudio Monteverdis L’Orfeo aus dem Jahr 1607, Georg Philipp Telemanns „Die wunderbare Beständigkeit der Liebe“ von 1726 und natürlich Orfeo ed Euridice von Christoph Willibald Gluck – lassen die Musikerinnen des Ensembles Nürnberg Barock Instrumentalstücke aus den Opern ertönen, in denen zunächst einmal Fröhliches hörbar wird – die Liebe zwischen Orpheus und Eurydike, in heiterer, wenn auch getragener Musik, die an Jagd- und Picknickszenen im Freien denken lässt, in feierlichem Wohlklang, der Ernst, aber keine Traurigkeit transportiert. Es ist die Ruhe vor der Katastrophe, und die Musikerinnen schaffen auf ihren historischen Instrumenten ein Klangbild, das ungetrübt scheint – bis auf die Störgeräusche, die aus den Lautsprechern kommen und nur in den Pausen und den leisesten Passagen hörbar werden: ein Dröhnen und Rauschen wie von einer fernen U-Bahn oder einem Sturm, den man noch nicht richtig hören kann, der aber auf dem Weg ist.
Kostia Rapoport, zeitgenössischer Komponist elektronischer und digital beeinflusster Musik und von 2018 bis 2023 musikalischer Leiter am Staatstheater Nürnberg, tritt mit seiner Musik in einen Dialog mit den Barockmusikerinnen, mit dem Sopranisten Samuel Mariñound mit den Texten, die von Schauspieler Sascha Tuxhorn gesprochen werden. Denn anders als die Opernfassungen, in denen Orpheus der tragische Held ist, der seine geliebte Ehefrau gleich zweimal verliert (und je nach Fassung am Ende doch wiedergewinnt – oder auch nicht), geht es in Orpheus Underground nicht nur um den Schmerz des Sängers, die Perspektive des Überlebenden. „Der Sänger singt und singt. Er sieht mich nicht“, konstatiert Eurydike, die in Elfride Jelineks Bühnenstück Schatten (Eurydike sagt) aus dem Jahr 2013 in der Unterwelt Zeugin von Orpheus‘ Klage und seinem Eindringen in die Unterwelt wird. Erfreut ist sie darüber aber nicht. „Der will mich holen“, erkennt sie, tröstet sich aber mit dem Gedanken, dass der Plan bestimmt nicht gelingen wird. „Bei dem Sänger kommt immer etwas dazwischen.“ Jelinek deutet den alten Mythos um, legt den Fokus auf die Frau, die nicht länger Orpheus‘ Schatten sein will.
Sobald Sopranist Samuel Morino auf die Bühne kommt, zerschmilzt freilich die ironische Distanz, die in dem modernen Text aufscheint – fast zwangsläufig, denn dass die Arien des größten aller Sänger von überragender Schönheit sein müssen, das liegt auf der Hand, und insbesondere Glucks Orfeo nimmt die Zuhörenden hinein in den tiefen Schmerz des Zurückgebliebenen. Mariños Sopran ist klar, mit Tiefe und einer Emphase, die nie aufgesetzt wirkt. Fast ein Weinen ist sein Gesang hier, ein Flehen, und die Elektromusik steuert einen glockigen Hintergrund bei, der zum Herzschlag wird. So nähert sich der Abend im Kulturforum auf unterschiedliche Weise dem Mythos an: mit dem Wohlklang barocker Opernkunst, mit dem Perspektivwechsel, mit den Bildern aus dem Unterbewussten, die in Orpheus‘ Traum von der toten Eurydike aufsteigen (Text aus Eurydike von Sarah Ruhl, mit Rapoports neuen, elektronischen Klängen und zuletzt mit den Körpern der Musikerinnen, die sich vom Publikum wegdrehen, sich abwenden und in den Schatten verschmelzen.
