
Holz – Körper – Bewegung
Die drei Performerinnen Michaela Pereira Lima, Miriam Markl und Barbara Bess schreiten nacheinander auf die Bühne in magentafarbenes Licht, gehüllt in hölzerne Gewänder. Schmale Holzspächtele sind zu Umhängen zusammengebunden, die ihre Körper vorne und hinten bedecken, gerade über ihre Füßen hängen und hinter ihnen auf dem Boden schleifen. Gehen sie entschieden in die Knie, und lassen die Enden ihrer Gewänder mit einem lauten Knallen aufkommen, initiieren sie Rhythmen, Call and Response zwischen Mensch und Mensch, Mensch und Holz.
“roams_adventures” ist eine einzelne, kohärente Performance, die sich über drei Tage erstreckt, und gleichzeitig eine Trilogie von Performances, die auch jede für sich funktioniert: Von “Gegen Bewegung” über “Hoch stapelnd in die Tiefe fallen” bis zu “Bleib, wenn du gehst”. In diesem finalen dritten und doch eigenen Teil testen die drei Tänzerinnen das Verhältnis ihrer Körper zum Holz.
Von außen stellt sich dabei als erstes die Frage, ob die Umhänge sie beschweren oder schützen. Sind sie eine Einschränkung oder eine Erweiterung? Zumindest als Naturmaterial ist uns Holz eng verbunden, auch wenn wir uns in einer hochtechnisierten Welt bewegen. Und so schwer scheint es plötzlich nicht mehr zu sein, wenn die drei Frauen auf der Bühne die Umhänge seitlich über ihre Arme drapiert tragen, herumwirbeln und sie wie Flügel aussehen. Tragen sie es vornübergebeugt auf dem Rücken, wirkt es wieder wie eine schwere Last.
Fast wie Einsiedlerkrebse wickeln sie die Umhänge um sich, sodass ihre Körper darunter kaum noch zu sehen sind. Sie biegen und formen die Capes mit Händen und Füßen um sich, als wollten sie darin verschwinden. So entstehen immer wieder neue interessante Gebilde, die sich mal mehr, mal weniger gut den Menschen darunter anpassen. Das Holz ist durch die “Gelenke”, an denen die Hölzchen verbunden sind, gleichzeitig fähig, sich besser anzuschmiegen und in seiner Beweglichkeit beschränkt wie durch vorgegebene Falzlinien.
Der Tonkünstler Veith Michel fängt dabei die Geräusche ein, die das Holz erzeugt: Klappern, Knallen, Knarren, Schaben, Klirren, Perlen, abstrahiert in elektronische Echos, ergeben einen eigentümlichen Klangteppich. Weder dieser noch die gestaltliche Vielfalt auf der Bühne werden jemals langweilig.
Von der Decke der Tafelhalle hängen noch zahlreiche säulenartig angeordnete Stränge der Hölzchen, die meisten davon in ihrer natürlichen Farbe. In der Mitte sticht ein grün lackierter Strang heraus. In Schwarzlicht getaucht, wird sichtbar, dass sie alle mit einer UV-Farbe überzogen sein müssen. Die Tänzerinnen, nun ohne ihre Umhänge, breiten die Stränge über den Boden aus wie Wurzeln oder Lebenslinien – die grüne “Wurzel” lädt dabei zum Ende der Performance dazu ein, den Saal zu verlassen und ins Foyer der Tafelhalle zurückzukehren, wo es einen Ausklang am Klavier von Tetyana Hoch gibt.
Das roams-Kollektiv um die Künstler*innen Michaela Pereira Lima und Harald Kienle hat in der Regie von Nicole Schymiczek entwickelt in “Bleib, wenn du gehst” eine eigenartige Soghaftigkeit zwischen Macht und Ohnmacht, Symbiose und Kampf, Bewegung und Starrheit zwischen den Parteien Mensch und Holz. Mensch und Natur. Sie öffnen für fast neunzig Minuten eine breite Fläche für Assoziationen.

