Catwalk der Erschöpfung
Sebastian Autenrieth

Catwalk der Erschöpfung

Astrid Hornung verarbeitet ihre Erfahrungen mit der chronischen Erkrankung ME/CFS in einem "performativen Wegstück" in der Tafelhalle Nürnberg
16. März 2026, von Svenja Plannerer

An guten Tagen geht das so: Aufstehen – Crash – Frühstück – Crash – Duschen – Crash – Gemüse schneiden – Crash. Manchmal geht auch nur eins davon. Oder gar keins. Dann geht nur, im Bett liegen zu bleiben. Klingt übertrieben? Für Ärzt*innen offenbar auch, wenn das Blutbild ok und körperlich keine offensichtliche Ursache für die Erschöpfung zu finden ist, die ME/CFS verursacht.

Die Performerin Astrid Hornung hat ihre eigenen Erfahrungen mit dieser chronischen Erkrankung gemacht – die übrigens nicht erst seit Corona existiert, auch wenn sie seit der Pandemie an Prominenz gewonnen hat, als Post-Vac-Syndrom oder Post- beziehungsweise Long-Covid. Hornungs Stück ist “ein performatives Wegstück”, könnte aber auch “Lecture Performance” heißen, denn sie leistet in den 60 Minuten Dauer anhand ihrer eigenen Biografie wichtige Aufklärungsarbeit.

Gekleidet in einen weißen Sport-Jumpsuit und Knieschoner wird sie mittels eines Geschirrs und eines dicken Seils an einen riesigen Berg aus schwarzen Holzstühlen gekettet. Zu Beginn scheint es fast so, als ließe sie sich davon aufrecht halten, als sie dort steht, leicht nach vorne gelehnt, die Arme in Titanic-Pose von sich gestreckt. Schnell wird klar, dass dieser Berg etwas ist, das sie zurückhält, nicht stützt. Etwas, das sie mit jedem Schritt schleppen muss, das sie, als sie sein Inneres erkundet, die Hände suchend durch Lücken nach draußen streckend, als ihr neues Gefängnis entdeckt. 

Hornung erklärt die komplexen Einwirkungen, die ME/CFS, oder Myalgische Enzephalomyelitis /Chronisches Fatigue Syndrom auf den Körper hat, eingängig anhand eines Schaubildes, das sie nach und nach in ihrem eigenen Körperumriss aufbaut. Dieser ist mit einem Kreidestift auf den Boden gemalt; ein schwarzer Streifen Tanzboden, der sich quer durch das Foyer der Tafelhalle zieht wie ein tragischer Catwalk. 

Trotz dieser anhaltenden Erschöpfung, der Schlafstörungen, des Brainfogs, der neu entstandenen Nahrungsmittelunverträglichkeiten, der Schmerzen, des Herzrasens, des Schwindels und der zahlreichen weiteren Symptome, baut Hornung beißenden, sarkastischen Humor in ihre Performance ein. Zu einem fetzigen Song legt sie ein Hausmädchen-Kostüm an, serviert sich selbst eine ganze Kollektion von Tabletten und Supplements und erntet sich mit der Glanzleistung des Schluckens von rund 13 Pillen gleichzeitig Zwischenapplaus.

Durch das dreimalige, zweiminütige Pausieren – oder Pacen – zu entspannender Musik vermittelt sie außerdem die ständige Notwendigkeit, sich auszuruhen, auch wenn das nicht viel hilft. Immer wieder wird die Frustration deutlich, die Trauer, die ME/CFS mit sich bringt. Betroffene verlieren durch die Symptomatik dieser neuroimmunologischen Multisystemerkrankung mehr, als für Menschen mit gesunden Körpern vorstellbar ist: Arbeit, Hobbies, finanzielle Stabilität, Partner*innenschaften, Freund*innen. 

Und das Gesundheitssystem? Den Ausgaben für Betroffene in Höhe von 61,3 Milliarden Euro stehen läppische 50 Millionen Investition in die Forschung gegenüber. Würde Hornung nicht darüber Lachen machen, müsste man vor Entsetzen und Entrüstung weinen. Es ist wahrlich kein Wunder, dass viele Erkrankte als Folgeerkrankung eine Depression entwickeln.

Ihre rundum beeindruckende Performance bringt Hornung emotional zu Ende: Zu den Stimmen Erkrankter gesellt sich der Song “Born To Lose” von Soap&Skin, und der Ausdruck in Hornungs Augen, als sie wieder still steht. Der Schmerz, die Trauer, die Verzweiflung, die Hoffnungslosigkeit, der Kampfgeist – das “Siehst du mich jetzt?” und das “Sieh mich jetzt!”


ÜberMüdung - Ein performatives Wegstück von Astrid Hornung feierte Premiere am 13.03.2026, Tafelhalle Nürnberg.
Gesehen am 13.03.2026, Tafelhalle Nürnberg.
Catwalk der Erschöpfung
Sebastian Autenrieth