Zurückbeißen, abschütteln, frei fallen
Victor Kido

Zurückbeißen, abschütteln, frei fallen

Chiara Fersini thematisiert das Abschütteln belastender Erfahrungen in einem tänzerischen Reinigungsritual
17. Nov. 2025, von Svenja Plannerer

The World Bit Me, betitelt Choreografin Chiara Fersini ihre Arbeit. Die Welt hat mich gebissen. Es ist eine Forschungsarbeit, die sie schon lange beschäftigt, und die sie in drei Teilen auf die Bühne gebracht hat. Im ersten und zweiten Teil gab sie den Erfahrungen von Menschen, die ihr Heimatland verlassen haben, Ausdruck – wie sie sie beeinflussen, beschweren, wie man mit ihnen umgehen lernt. Die Inspiration kommt aus ihrer eigenen Biografie und Interviews, die sie mit anderen Immigrant*innen geführt hat. Sie selbst stammt aus Salento im Südosten Italiens. Gemeinsam mit ihrer Tanzpartnerin Carolina González beschwört sie im dritten Teil im Tanzsaal des CON Bamberg ein Ritual herauf, um sich von diesen schweren Erfahrungen freizumachen und zu reinigen. 

González, ganz in schwarz, verhüllt von einem Spitzenschleier, steht starr über Fersini, die in heller Kleidung zu ihren Füßen liegt. Eine Wächterin, eine Priesterin, die zu wummernder Musik langsam zum Leben erwacht, ihre Arme in die Luft reckt, wohl Himmel und Erde anruft, und versucht, Fersini zu erwecken, zu energetisieren. Um sie herum öffnen sich nach und nach zu dem einzelnen Scheinwerfer weitere, erleuchten den Raum, eliminieren die Schatten im schwarzen Vorhang.

Fersini setzt sich auf, erzählt und singt auf der fast ausgestorbenen Sprache Griko, während González sie mit dem Spitzenschleier, zusammengeknüllt in einer Hand wie einen Schwamm, ihre Gliedmaßen reinigt. In Fersinis Stimme liegen Sehnsucht, aber auch Frustration, Spuren von Wut. Ihr Körper bleibt manipulierbar, lässt sich aber erst nicht vom Boden heben, entgleitet ihrer Partnerin, wie oft sie auch versucht, sie aufzurichten- bis Fersini selbst aufsteht. 

Somit beginnt ein Duett mit hektischen, raumgreifenden Bewegungen und Sprüngen. González bleibt dabei immer mit einer Hand mit Fersini verbunden – ihre Stütze? Ihr Schatten? Oder doch eher das, was es abzuschütteln gilt? Etwas Lauerndes, das immer im Augenwinkel zu sehen bleibt und nie Ruhe gibt? Ihren Bewegungen liegt eine an Verzweiflung grenzende Wildheit inne, die den Schwierigkeiten des Alltags trotzen will, trotzen muss. Die Welt wird zurückgebissen.

Dann nicht mehr hintereinander, sondern nebeneinander, versöhnlich Hand in Hand, springen und drehen die beiden Frauen sich zu rhythmischer Techno-Musik. Ihr harsches Atmen und das Geräusch ihrer nackten Füße auf dem Tanzboden verschmelzen mit dem Beat. Hier kommen die moderne Clubwelt und traditionelle salentinische Folklore-Tänze zusammen.

Und dann dreht sich Fersini wie ein Derwisch, die Schleier in ihren Händen folgen ihren Kreisen wie dunkle Kometenschweife. In diesem Moment ist sie frei von Gedanken, versunken in der Trance der Bewegung, bis sie zu Boden fällt. Die Scheinwerfer werden nacheinander wieder geschlossen, die Spitzenschleier sorgsam gefaltet. Am Ende liegt Fersini in Dunkelheit, erschöpft, umgeben vom Echo eines Mantras aus einem Reinigungsritual der Eingeborenen in den Anden, das González mehrfach wiederholt: 

“No hay sombra que la luz no alcance, no hay carga que el espíritu no libere. Aquí me presento, vulnerable y abierto, pidiendo ser renovado.”

Auf Deutsch heißt das in etwa: “Es gibt keinen Schatten, den das Licht nicht erreichen kann, keine Bürde, die der Geist nicht abwerfen kann. Hier stehe ich, verletzlich und offen, und bitte, erneuert zu werden.”     

Fersini erzeugt in ihrer Choreografie eine soghafte, ständig steigende Spannung, die sich unerwartet sanft wieder entlädt. Der Biss der Welt ist überlebt – für den Moment. Eine Erfahrung wie die, das eigene Heimatland zu verlassen, einen Teil von sich selbst zurücklassen zu müssen, ist schließlich nicht ablegbar. 


The World Bit Me (Teil III) von Chiara Fersini feierte Premiere am 15.11.2025, CON Bamberg.
Gesehen am 15.11.2025, CON Bamberg.