Körperbild im Tanz
Karin Stöhr

Körperbild im Tanz

20. Feb. 2026, von Helene Mayerhofer

Schöpfung und der Lauf des Lebens – diese Themen faszinieren Künstlerinnen und Künstler aller Sparten schon seit jeher. Auch Alexandra Rauh nimmt das menschliche Leben unter einer ganz besonderen Perspektive unter die Lupe. Ihre Tanz-Video-Performance „Creating Creatures“ feierte am 14. Februar Premiere in der Tanzzentrale der Region Nürnberg/Fürth e.V..

Das Konzept erarbeitete die Choreografin gemeinsam mit Maria Isabel Hagen, performt von Ludger Lamers. Die Besetzung ist ein wesentlicher Faktor der Insznierung. Im Mittelpunkt steht nämlich der Blick der Gesellschaft auf ältere Körper. Das Medium Tanz gelingt hier auch als Meta-Ebene, eine Sparte in der es keine Seltenheit ist, sich spätestens in den Mitvierzigern von der Performance zurückzuziehen. „Creating Creatures“ stellt dem alles entgegen: In gut siebzig Minuten führt Lamers das Publikum in Episoden durch ein Leben. Der musikalische Katalysator ist James Browns „I Feel Good“, und damit ist der Ton bereits gesetzt. Der Mensch, der Körper, der hier agiert ist unapologetisch, existiert, ist er selbst. Das fast spärliche Kostüm (Johanna Deffner) macht den befreiten Tanz fast zu einem intimen Moment, lässt einen zwischen peinlicher Berührtheit und neidhafter Anerkennung ob solcher Unverfrorenheit zurück.

Doch das ist erst der Anfang. An Lebensphasen eines Schmetterlings erinnert der Weg, den Lamers hier im intimen Studio zurücklegt, oder aber auch an die eines Menschen. Rauh zeigt, wie Gefühle, die oft repräsentativ für eine einzelne Lebensphase stehen sich durch den ganzen Lebensweg ziehen. So changiert die Figur von kindlicher Neugier und Energie zu jugendlichem Ungelenk, blüht auf, zieht sich wieder zusammen, welkt und sprießt.

Immer wieder bedient sich die Inszenierung auch an Motiven aus der Natur: Wie eine Qualle schwebt Lamers da durch den Raum, verstärkt durch das Kostüm und die amorphen Bewegungen, trabt später wie auf Wolken über weißen Stoff.

Den Körper als Instrument zu entdecken und verstehen funktioniert hier aber nicht nur über Bewegung. Auch die Stimme des Protagonisten findet ihren Raum, wenn Lamers wie ein Slam-Poet vor dem Mikrofon steht und Geräusche ausprobiert, als ob er die ganze Bandbreite seiner Stimmbänder zum ersten Mal entdecken würde.

Apropos Geräusch: Jan Pfitzer hat für den Abend einen bannenden Soundscape geschaffen, bedient sich hier neben Popmusik elektronisch-sphärischen Klängen, die Bogen und Teppich für die Performance schaffen.

Die ganze Zeit über lenkt die Regie den Blick der Zuschauerinnen und Zuschauer auf den Kern des Abends – ein Körper der in der Gesellschaft und im Tanz so nicht stattfindet und das obwohl er alles ist und tun soll was ein Körper tut. Er lebt. Er existiert.

Was mit einem Motiv, das an den von den Toten auferweckten Lazarus erinnert beginnt, muss auch ein äquivalentes Ende finden. Der Stoff, Kokon, Wolke, Gefängnis zu gleich, bläht sich nach und nach auf, entpuppt sich als Höhle, die nach und nach den Raum einnimmt. Sanft, und dennoch bedrohlich. Hier kommen auch die Videoprojektionen (Stephanie Felber) ins Spiel. Während sich die „Creature“ langsam in der Höhle einigelt, werden auf die Innen-  und Außenwände Projektionen geworfen, die schemenhaft die Performance widerspiegeln. Nach und nach betritt das Publikum die Tanzfläche, wir so zum Teilnehmer und stummen Beobachter.

Am Ende ist es ein Gefühl von Dankbarkeit, das sich breit macht. Dankbarkeit, an diesem Leben, dieser Person teilhaben zu dürfen. Eine gelungene, kurzweilige Performance.


Creating Creatures von Alexandra Rauh feierte Premiere am 14.02.2026, Tanzzentrale der Region Nürnberg/Fürth e.V..
Gesehen am 15.02.2026, Tanzzentrale der Region Nürnberg/Fürth e.V..
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Karin Stöhr