
6 auf Kraut: Aberwitziges Märchen-Impro
Die Schlange am Einlass der Kofferfabrik ist lang, wenn „6 auf Kraut“ spielen, die Plätze sind begehrt. Schulter an Schulter sitzt man dann nun in freudiger Erwartung, ohne überhaupt zu wissen was jetzt gleich passiert. Denn hier ist nur eins gewiss: Hier wird improvisiert!
Seit mehr als 30 Jahren spielt sich das Ensemble schon durch sämtliche Formate, entsprechend groß ist die Fangemeinde. „Mit künstlerischer Intelligenz“ titelt das Programm in der Kofferfabrik um noch einmal hervorzuheben: Hier ist alles echt.
Genau genommen müsste man bei der November-Ausgabe des Impro-Abends von „drei im Weggla“ sprechen, so viel misst nämlich die Zahl des Ensembles, dass den Abend bestreitet. Das sind Kraut-Haupt Sigi Wekerle, Monika Brinkmöller und Florian Sußner.
Regie führt wie immer das Publikum selbst. Anhand von spontanen Zurufen gestalten die Schauspieler ihre Figuren und Szenen. Grundgerüst des Abends sind diverse Improvisationsspiele. Was für Ungeübte ein schnelles Rezept für Desaster sein mag, entwickelt sich hier zu einem überaus kurzweiligen Theaterabend, der gerne noch unendlich länger gehen dürfte – doch der Feierabend sei den Darstellern gegönnt. Nachdem Sußner erklärt, wie der Hase läuft, wird sich mit Kampfrufen eingestimmt und das Publikum standesgemäß mit einem Ständchen begrüßt, dann wird sich sogleich in die erste Szene gestürzt.
Ein Highlight ist unter anderem die „Märchenstunde“: Ein vom Publikum erkorenes Märchen (die Wahl fällt auf den allseits bekannten Klassiker „Schneewittchen“) wird in wechselnden Rollen nacherzählt. Der Clou: Jeder der Darsteller bekommt einen bestimmten Buchstaben zugeteilt, der nun jedem einzelnen Wort vorangestellt wird. Klingt einfach, doch im erhitzten Wortgefecht und Showdown mit der bösen Stiefmutter beweisen die Krautspieler ihre geballte Spielfertigkeit, während sie ohne aus der Rolle und ohne aus dem irrwitzigen Duktus zu fallen dem Grimm-Märchen ein neues Kleid schneidern. Chapeau allein dafür, die verschachtelten Sätze gerade herauszukriegen.
Ganz wunderbar ist da auch das Film-Triple-Feature, in dem dieselbe kurze Szene dreimal hintereinander gezeigt wird, in jeweils unterschiedlichen Genre-Settings.
Beinahe verkannter Held des Abends ist Musiker in Residence der Krautler Berthold Kraus. Fest mit seinem Instrument verwachsen sorgt er für den richtigen Soundtrack. Und ein Soundtrack ist es allemal: Vom Stummfilm-Ära Ragtime-Thema über komödiantische Klänge bis hin zu schaurigen Horrortönen verlangt ihm das Ensemble an diesem Abend alles ab und Kraus liefert es prompt, schüttelt sich eine Melodie nach der anderen aus den Pianistenfingern, immer spontan, immer passend, immer originell. Ganz klar, ohne sein musikalisches Zutun wären die Geschehnisse auf der Bühne ein ganzes Stück weniger unterhaltsam.
Sie wissen, wann es Zeit ist, eine Szene abzuschließen, wann die eigene Idee gut genug ist, um die Kollegen zu unterbrechen und beweisen durch die Bank großes Gespür für ideales Timing, ob komödiantisch oder dramaturgisch. Das schafft ein Ensemble nur, wenn es die eigenen Stärken kennt, und „6 auf Kraut“ kennt sich in- und auswendig, so viel es klar. Wie der Abend beim nächsten Mal wird? Wer weiß das schon, im Impro-Theater. Steht aber „6 auf Kraut“ auf dem Label, ist die Garantie, dass es genügend zu Lachen gibt, ziemlich sicher.
